Talfried (Untere Torwache mit Gärtnerhaus und Gärtnerei)

Bereits hier am Gärtnerhaus und an der Anlage des gesamten Talfrieds lässt sich die Vorliebe des Bauherrn Ernst Hüther und seines Architekten Max Hans Kühne für Bögen und Laubengänge erkennen. Sie eröffnen immer wieder neue Blickwinkel auf Garten-, Wohn- und Arbeitsbereiche, die zwar in sich geschlossen sind, aber doch miteinander korrespondieren.

Die "Untere Torwache" gehört, wie die später folgende "Obere Torwache", zu den ersten Gebäuden der Bergfried-Anlage und wurde bereits im Jahr 1919 errichtet. Später wurden an das Wirtschaftsgebäude und den kleinen Hof Gewächshäuser und ein Palmenhaus errichtet. Dahinter befand sich ein unterkellertes Kalthaus zur Überwinterung mediterraner Kübel-Pflanzen bei ca. 5°C.

Zusammen bildet das gesamte Ensemble des Talfrieds ein kleines Gehöft, welches nach der Enteignung der Hüther-Erben im Jahr 1948 in eine Erwerbsgärtnerei umgewandelt wurde.

Vom Talfried aus und vorbei an einem Lindenrondell, in dem früher ein Brunnen stand, schwingt sich der Hauptweg in Serpentinen durch den Park zur Villa hinauf.

Über einen Steingarten, der als Stütze in den Hang integriert wurde, zweigen kleine Wege in die thematisch gestalteten Parkräume ab. Aus diesen stammen die meisten dieser Natursteine, die inzwischen bereits hunderte Jahre alt sind. Sie wurden von Hand zurechtgehauen und ausgerichtet - eine landschaftsarchitektonische Meisterleistung.

Willkommen im Bergfried-Park in den neunzehnhundert zwanziger und dreißiger Jahren und in meinem Zuhause! Ich, der Gärtner Paul Birkholz, wohne hier im Talfried mit meiner Erika und den Kindern. Das ist praktisch: Zur Arbeit muss ich nur vor die Türe treten, mittags kocht meine Frau mir und den Kindern was, und billiger ist die Miete beim Herrn Doktor auch als anderswo in Saalfeld. Wir wohnen unten, über uns hat der Garteninspektor Grimm seine Wohnung. Das ist nicht ganz so praktisch, denn seine Martha und meine Erika, naja, Sie wissen schon, das ist nicht immer leicht bei gemeinsamer Badbenutzung! Aber wir haben immerhin ein Bad, das sieht in vielen Saalfelder Häusern ganz anders aus, als in denen vom Herrn Doktor.
Also, der Herr Doktor, das ist der Herr Doktor Hüther, dem die Mauxion-Schokoladenfabrik und das alles hier gehört. Es heißt ja auch eigentlich Mossiong = aber die meisten sagen hier Mauxion. Er hat das herrliche Haus dort oben mit seinem Architekten, dem Herrn Professor Kühne, geplant. Der soll ja ganz wichtige, große Sachen überall in Deutschland gebaut haben, in Leipzig, in Dresden und so. Ich weiß nicht, ich war da noch nicht. Aber er war auch oft hier in Saalfeld, weil der Herr Doktor immer neue Ideen und Pläne hat. Zum Beispiel das Palmenhaus hinterm Talfried. Jetzt ist's im Sommer in unserem Park ein bisschen wie im Süden und im Winter sowieso, da fühle ich mich im Palmenhaus wie in einer anderen Welt.
Aber in unserem Park ist's wirklich schön. Hier gegenüber zum Beispiel, auf dem Reitplatz, da ist täglich was los! Entweder gehen die Pferde an der Kandare vom Reitlehrer, dem Gustav, oder die jungen Leute, also die Kinder vom Herrn Doktor, zeigen, wie gut sie schon mit "Paloma" und "Nebelstreif" über die Hindernisse kommen. Manchmal dürfen sogar meine Kinder reiten, aber nur, wenn sie danach beim Striegeln helfen.
Oftmals muss ich abends auch noch das Tor für die Gäste vom Herrn Doktor öffnen. Wer hier schon alles die Serpentinen hochgefahren ist! Sogar der Zar von Bulgarien und der Herr Achmed aus Ägypten.
Und erst der Fackelzug zum 50. Geburtstag vom Herrn Doktor! 1100 Mauxianer sind am Abend im Fackelschein erst durch die Stadt und dann die Serpentinen bis hoch zur Lindenallee gezogen und haben aus vollen Kehlen ein Ständchen geschmettert. Das städtische Orchester hat dazu gespielt, es gab eine Rede, und dann ging's ins Hotel Zapfe zu Bratwurst und Bier - natürlich auf Einladung vom Herrn Doktor!
Ach, die Serpentinen, die könnten noch viel mehr erzählen! Wir Gärtner - ja, ich hab' mehr als eine Handvoll Kollegen - also wir Gärtner, wir nehmen aber lieber die kleinen Nebenwege. Einer zweigt gleich am Lindenrondell ab, mein Lieblingsweg in den Steingarten.